Anime-Rezi: 5 Centimeters Per Second (Japan; 2009)

Makoto Shinkai ist ein Bildmagier, kurz und bündig. Schon in seinen ersten Arbeiten wie dem Schwarz-Weiß-Kurzfilm SHE AND HER CAT bewies der Anime-Auteur viel Gespür für Atmosphäre, neben dem Detailreichtum der Zeichnungen ist es besonders der offensive Lichteinsatz, welcher die Stimmung von Shinkais Wunderwelten prägt.
Auch sein neuestes Werk, die Anime-Anthologie 5 CENTIMETERS PER SECOND, ist einmal mehr ein augenöffnendes Erlebnis, in welchem eine gewöhnliche japanische Großstadtstraße ähnlich viel Magie versprühen darf wie eine nächtliche Landschaft unterm Mondenschein. Da wird der feucht-leuchtende Asphalt zum Lichterdschungel, eine zarte Lichtreflektion zum ätherischen Ballett, die den Sonnenschein lasierenden und strukturierenden Wolken zum Lichtweber.
Wer dem Genre Anime vornehmlich der Ästhetik wegen zugetan ist, der tut gut daran, sich im visuellen Rausch von Shinkais Werken zu verlieren, aus denen die etwas härter wirkenden Charakter zwar immer etwas herausfallen, die aber doch attraktiv genug daherkommen, um das Erlebnis nicht wirklich zu schmälern.
Der visuelle Rausch mag auch den einen oder anderen Rezensenten geblendet haben, denn die allgemeine Rezeption darf als übermäßig enthusiastisch bezeichnet werden. Dabei herrscht bei 5 CENTIMETERS keineswegs eitel Sonnenschein,bedrohen doch dunkle Wolken inhaltlicher Dürftigkeit den großartigen Ausblick.
Makoto Shinkai ist nämlich nicht nur ein Bildmagier, sondern leider auch ein Schwätzer vor dem Herren, der seine banalen Geschichten mit einem Übermaß an gerne in geschwollenem Ton vorgetragenen Off-Monologen andickt.
Beherrschendes Thema in 5 CENTIMETERS sind Beziehungen und was Distanz, gleichermaßen räumlicher, zeitlicher und sozialer Natur, aus ihnen macht. Das klingt mäßig interessant und eher wie ein Thema für eine akademische Studie, birgt aber in geschickten Händen durchaus ein gewisses Potential in sich.
Shinkai hat allerdings eher die erzählerischen Pfoten eines Grobschmiedes, weswegen er zur Verdeutlichung seines Anliegens Charaktere präsentiert, die völlig uninteressant sind, weil sie einfach nicht ordentlich etabliert und vorgestellt werden. Noch ehe wir etwas Genaueres über die Protagonisten erfahren, dürfen wir ihnen bereits beim Runterleiern “gedankenschwerer” Plattheiten und schwulstiger Bekenntnisse beiwohnen. Jeder Gedankenpups wird von unseren jugendlichen Helden in dramatisch-möglichster Form zum Besten gegeben, jede Zuneigungsbekundung mit Hölderlinschem Pathos verkündet.
Mir zumindest fällt es sehr schwer, mich auf diese Art von unsensibel erzählter Pubertärschmonzette einzulassen, wer sich allerdings den Texten und Gedanken von Reimdreschern wie UNHEILIG verbunden fühlt und Xavier Naidoo für einen wahren Poeten hält, der könnte Gefallen finden an der unbeholfenen Art, mit der Shinkai Leben und Liebe reflektiert.
Der Rest darf sich darüber ärgern, dass eine wunderschöne und durchaus auch originäre Bildsprache durch den profanen und prätentiös erzählten inhaltlichen Ballast kräftig runtergezogen wird. Es bleibt die Hoffnung, dass Shinkai sich bei seinen nächsten Projekten mit fähigeren Autoren zusammentut, es wäre einfach schade, sein Talent als visueller Virtuose auch weiterhin durch seine mangelhaften Fähigkeiten als Geschichtenerzähler beeinträchtigt zu sehen.

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